Die Namenskunde

Vorwort

 

Namen haben seit Alters her eine besondere Wertigkeit. Diese so genannte Bedeutsamkeit besteht in der Ausstrahlung. Unter dieser Ausstrahlung versteht man die Summe der mit einem Namen verbundenen Assoziationen und die damit verbundenen Gefühle und Vorstellungen. Nicht umsonst befällt uns ein Unbehagen bei der Vorstellung, Namen durch Nummern zu ersetzen. Die persönliche Bedeutsamkeit des Namens würde verloren gehen, da Nummern keine Aussagekraft in dem Sinne haben. Es sind die Gründe der Namensgebung, welche ihre Bedeutsamkeit ausmacht.

Entstehung der Vornamenbücher

Die ersten Vornamenbücher im dt. Sprachgebiet entstanden im 16. Jh. vor allem aus konfessionellen Gründen. Sie sollten protestantische Eltern zur Wahl von deutschsprachlichen und katholische zur Wahl von Heiligennamen anregen.

Aus sprachpuristischen oder nationalistischen Motiven kamen Vornamenbücher besonders nach den napoleonischen Kriegen, in der Gründerzeit und während des Nationalsozialismus heraus. Sie präsentierten vorwiegend »deutsche« Vornamen, um den Eltern ihre Wahl nahe zu legen.

Seit Ende des 19. Jh. wächst die Freiheit bei der Wahl der Namen für die Kinder und damit auch der  Bedarf, sich in Büchern wie in einem Katalog über das Inventar an Vornamen, ihre Bedeutung, ihre Aktualität, Verbreitung usw. zu informieren.

Seitdem zählen Vornamenlexika mit zu den beliebtesten Büchern. Seit 1800 sind weit über 100 verschiedene dt. Vornamenlexika erschienen. 1996 waren über 20 entsprechende Titel auf dem Markt, darunter z.B. Wasserzieher, jetzt in 19. Auflage, schon seit über 70 Jahren.

Die Lexika geben zunächst an, aus welcher Sprache der Name stammt und was er etymologisch bedeutet, dies aber nicht immer zuverlässig. Wissenschaftlich verlässlich sind z.B. DROSDOWSKI 1974,  NAUMANN u.a. 1988, MACKENSEN 1990, SEIBICKE 1991, WEITERSHAUS 1992, KOHLHEIM 1998.

    Darüber hinaus finden sich in unterschiedlichem Maße Angaben zu Geschichte und Häufigkeit der Namen, zum Namenstag, zu berühmten Namensvettern usw.

 

Fremdsprachliche Vornamenlexika

Bulgarisch: ILČEV 1969; dänisch: PEDERSENWEISE 1990; englisch: WITHYCOMBE 1985, BROWN 1990; finnisch: VILKUNA u.a. 1988; französisch: BARBÉ 1994; irisch: COGHLAN 1987; isländisch: KVARAN/JÓNSSON 1991; italienisch: DE FELICE 1992; niederländisch ›Spectrum Vornamenboek‹ 1992; norwegisch: STEMSHAUG 1995; polnisch: RYMUT 1995; russisch: PETROWSKIJ 1984; schwedisch: ALLEN/WÅLIN 1995; slowenisch: KEBER 1988; spanisch: BAS I VIDAL 1988, TUAN 1994; tschechisch: KNAPPOVÁ 1996; türkisch: AYŞAN/TUNCAY 1987; ungarisch: LADÓ 1992. Weitere bei HANKS/HODGES 1990, SEIBICKE 1996.

Rufnamen germanischer Herkunft

 

Antike Autoren

Die ersten Belege für germanischer Namen finden sich bei antiken griech. und röm. Autoren. Der Historiker TACITUS erwähnt z.B. um 100 n. Chr. Germanen namens Catumer, Catvald, Segimund u.a. Alle sind im ›Lexikon der altgermanischen Namen‹ (REICHERT 1987) gesammelt.

 

Runeninschriften

Es sind etwa 5000 germanischer Runeninschriften erhalten; die ältesten stammen aus dem 2. Jh. n. Chr.

Im dt. Sprachraum wurden ca. 60 gefunden; sie überliefern zahlreiche Namen.

Berühmt ist das goldene Horn, das 1734 bei Gallehus in Schleswig entdeckt, aber 80 Jahre später gestohlen und eingeschmolzen wurde; auf ihm stand der älteste germanische Stabreimvers (um 400): »ek HlewagastiR Hol tijaR horna tawido« (Ich, Leugast, Nachkomme des Holte, machte das Horn). In Neudingen/Donau fand man 1978 auf einem Webstuhlteil des 6. Jh. eingeritzt: »lbi Imuba Hamale Blithguth urait runa« (Liebes für Imuba von Hamal. Blidgu(n)d ritzte die Rune(n).

 

Schrifttum

Wichtig sind sodann Urkunden, Chroniken und Germanische Dichtungen, die viele Namen überliefern.

Tausende von Namen verdanken wir dem Brauch, sich im Gebet zu gegenseitiger Fürbitte, auch für Verstorbene, zu verpflichten. Er prägte sich wohl im angelsächsischen Mönchtum des 6./7. Jh. aus und verbreitete sich über ganz Europa. Die ins Gebet aufgenommenen Personen notierte man zunächst auf Diptychen, aufklappbaren Holz-, Elfenbein- oder Metalltafeln, später in Büchern mit Texten für den Gottesdienst, schließlich in eigens dafür angelegten Verbrüderungs- und Totenbüchern.

Die umfangreichsten Verbrüderungsbücher mit insgesamt knapp 100000 Namen stammen aus St. Peter in Salzburg (um 789, Abb. A), Reichenau, St. Gallen, Pfäfers, Remiremont, Brescia (9. Jh.) und Corvey (820–12. Jh.).

 

Ortsnamen

Viele Personennamen sind aus Ortsnamen zu erschließen.

Am weitesten zurückführen die Orte auf -ingen, die meistenteils aus Personennamen entwickelt sind. Wenn das Oberhaupt einer Siedlergruppe etwa Gundolf hieß, nannte man seine Leute Gundolfinge und ihre Siedlung bei den Gundolfingen (›bei den Leuten des Gundolf‹), woraus die heutigen Ortsnamen Gundelfingen in Baden-Württemberg und Bayern entstanden sind.

Auch in anderen Ortsnamentypen ist ein gewaltiger Schatz germanischer Rufnamen bewahrt. Allein im Zürichgau finden sich in der alten Ortsnamenschicht auf -ingen, -ikon, -heim und -wil aus der ersten Landnahmezeit vom 5.–9. Jh. 93 Personennamen-Gruppen.

 

Namensammlungen

Die Berliner Akademie der Wissenschaften schrieb auf Anregung von Jacob Grimm 1846 einen Preis für eine Sammlung altdeutscher Namen aus.

Einziger Bewerber war ERNST FÖRSTEMANN. »Der ungeahnte Reichtum an Gebilden [= Namenformen], die noch kein Mensch besprochen hatte, stellte sich als ein geradezu unglaublicher dar.« 1854–59 gab er sein ›Altdeutsches Namenbuch‹ heraus, das in Bd. 1 Personen-, in Bd. 2 Ortsnamen aus Quellen bis zum Jahre 1100 registriert. Als Vorstand der königlichen Bibliothek zu Dresden machte er sich später nicht nur  um die Erforschung der mexikanischen Mayakultur verdient, sondern auch um stetige Verbesserung seines Namenbuchs für die 2. Auflage (Bd. 1, 1901).

Im Sonderforschungsbereich ›Mittelalterforschung‹ der Universität Münster wurde seit 1968 ein Projekt ›Personen und Gemeinschaften‹ durchgeführt, das u.a. der Personennamen-Forschung völlig neue Quellengrundlagen schuf. So wurden z.B. für das dreibändige Werk ›Die Klostergemeinschaft von Fulda im frühen Mittelalter‹ 38871 fuldische Namenbelege aus Verbrüderungsbüchern usw. mit Hilfe des Computers gespeichert, ediert und in versch. Hinsicht erforscht.

 

Zweigliedrigkeit

Germ. Rufnamen sind meist zweigliedrig (dithematisch): Sieg + fried, Ger + linde.

Alte eingliedrige (monothematische) Rufnamen sind selten, manche wohl erst aus Bei- zu Rufnamen geworden: Karl ›freier Mann‹, Ernst ›entschlossen‹, Wigant ›der Kämpfende‹, Frank(o) ›der Franke/Freie‹.

Das Prinzip der Zweigliedrigkeit ist schon indogermanisch und kennzeichnet z.B. auch ind., griech. und slaw. Namen.

    Vielleicht sind die zwei Namenglieder urspr. auf Wünsche zurückzuführen, die man dem Kind ins Leben mitgeben wollte. Doch treten später auch andere Motive dazu, etwa Familienbeziehungen anzuzeigen, wodurch schwer zu rekonstruieren ist, welche Motive am Anfang der zweigliedrigen Namenbildung standen.

Die beiden Glieder waren bei den Germanen bis etwa zum 4. Jh. wohl sinnvoll aufeinander bezogen, wurden aber später oft rein mechanisch miteinander kombiniert. Es empfiehlt sich daher, bei Bedeutungsangaben die Glieder beziehungsneutral nebeneinander zu setzen (Regiswinde = ragin ›Rat‹ + swind ›stark, recht‹), nicht wie bei Komposita wie Haustüre, wo das hintere Glied (Grundwort) durch das vordere genauer bestimmt wird (Bestimmungswort).

 Das Geschlecht richtet sich bei Zusammensetzungen nach dem Zweitglied: die Haustüre, der Haushund. Das gilt auch bei den germ. Namen. Daraus folgt:

1. Bei Männer- und Frauennamen können dieselben Substantive als Erstglied auftreten (Siegwart, Sieglinde), als Zweitglied begegnen bei Männern aber immer andere Substantive als bei Frauen.

2. Neutra traten urspr. nur als Erstglieder auf, z.B. ›Land‹ in Lantfrid, Landolf.

    Roland (hrōt ›Ruhm‹ + ›Land‹) ist eine Bildung aus jüngerer Zeit, in der die ursprüngliche Regel nicht mehr beachtet wurde.

3. Mut und Rat schwankten im Geschlecht, vgl. heute der Mut/die Sanftmut, der Hausrat/die Heirat. Daher können sie Zweitglied bei Männer- und Frauennamen sein: Hartmut, Helmut, Freimut, Fromut bzw. Almut, Hadumod, Hildemut.

 

Häufigkeit der Namenglieder

Die Regeln hatten zur Folge, daß sich in germanischen Rufnamen weit mehr verschiedene Erst- als Zweitglieder finden.

    In Kölner Rufnamen des 12. Jh. stehen 134 versch. Wörter als erstes Glied, nur 62 als zweites, 38 in beiden Stellungen.

Das Prinzip, zwei Glieder zusammenzufügen, ergab eine gewaltige Namenmenge. FÖRSTEMANN weist allein 159 Frauennamen nach, die mit -berga ›Schutz‹ zusammengesetzt sind:

    Ans-, Erd-, Hai-, Ita-, Ros-, Witberga usw.

Ebenda finden sich 199 Männernamen mit -baldbold, 250 mit -ric(h), 347 mit -(w)ald/old, 372 mit -har(i)/her(i), 408 mit -ber(h)t, 464 mit -wolf; dazu jeweils ca. 50–80 Formen mit diesen Wörtern als Erstglied (Bald-, Ric(h)- usw.). Allein diese Zusammensetzungen ergeben ca. 2500 versch. Rufnamen!

 

Fortleben in Familiennamen

 Aufgrund der S. 20–22 genannten Regeln entwickelte sich aus der Vollform germanischer Rufnamen jeweils eine Fülle weiterer Namenformen. Die meisten davon sind schon längst nicht mehr als Rufnamen gebräuchlich, leben aber als Familiennamen weiter, weil viele Familiennamen aus mittelalterlichen Rufnamen entstanden sind.

Christianisierung und Fremdnamen

 

Christliche und heidnische Namen

Im 3. Jh. ist bezeugt, daß Christen während einer Christenverfolgung vor ihrer Hinrichtung ihre heidnischen Namen abgelegt und sich die biblischen Namen Elias, Isaias, Samuel zugelegt haben; und daß Neubekehrte Christen die Namen der Apostel annahmen.

Als sich der Brauch durchsetzte, Christen nicht erst im Erwachsenenalter, sondern schon als Säuglinge zu taufen, bürgerte sich langsam auch die Namengebung bei der Taufe ein, wobei z.B. Bischof Ambrosius von Mailand († 397) riet, Namen von Märtyrern und anderen Heiligen zu wählen, um die Kinder dadurch dem Schutz dieser Heiligen zu empfehlen.

 

Aufnahme der Fremdnamen im dt. Gebiet

Durch die Christianisierung kam auch unser Raum mit solchen Bräuchen und einer ganzen Welt von Fremdnamen intensiv in Berührung: mit hebr., griech. und lat. Namen aus der Bibel und von antiken Personen.

Dennoch dauerte es ein halbes Jahrtausend, bis die Fremdnamen neben den germanischen Erbnamen einen nennenswerten Anteil am dt. Rufnamen-Schatz einzunehmen begannen.

Unter den wenigen Fremdnamen der Karolingerzeit werden solche aus dem Alten Testament wie Daniel, Samuel, Elisabeth, Judith bevorzugt. Das hängt mit der Vorliebe der Iren und Angelsachsen für entsprechende Bücher und Personen des Alten Testaments zusammen, die man in Dtl. übernahm. Karl d. Gr. wurde in seiner Akademie David genannt, sein Biograph EINHARD Beseleel.

Neutestamentliche und Heiligennamen spielten zunächst kaum eine Rolle, außer Stephan. Seit einem Besuch Papst STEPHANS II. 753 in Frankreich wurde der Name beim westfränkischen Adel beliebt und  griff von da auch ins benachbarte dt. Sprachgebiet über.

 

Träger der Fremdnamen waren im Frühmittelalter v. a. Geistliche, die beim Eintritt ins Kloster einen christlichen Namen annahmen. Bei Mönchen ist der Name des Ordensgründers Benedikt relativ häufig. Der hohe Klerus, der meist dem Adel entstammte, behielt allerdings seine germanischen Namen gerne bei.

    Unter den 49 Äbten von Corvey von 822–1504 führte keiner einen Fremdnamen.